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Michael Rieken

MUSEA

Mit einem Nachwort von Stefan Krämer

28,00

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Künstlerbuch, 2026
Softcover mit Fadenheftung

Format 300 x 260 mm

148 Seiten

ISBN 978-3-96703-179-9

Michael Rieken verweigert sich der zentralen Disziplin des Museums: dem Fokus. Kein Werk wird „richtig“ betrachtet, kein Objekt erhält die ihm zugedachte Würde. Stattdessen schweift der Blick ab, verliert sich – und überrascht durch die Methode. So wird sichtbar, was im institutionalisierten Sehen oft verloren geht: Die Wahrnehmung als körperlicher Akt – eine beinah zwingende visuelle Übersetzung seiner akustischen Performances.

Michael Rieken ist ein Artist working with sound. Er kommt aus der Musik – und bringt diese Erfahrung ins Museum. Wie im Club der Raum im Klang verschwindet, so verschwindet auch der betrachtete Gegenstand bei ihm aus dem Fokus. Seine Arbeit unterläuft so die klassische Ausstellungslogik. Was hieße das für Kurator:innen? Weniger ‘guided tour’, mehr offenes Feld, in dem Wahrnehmung Platz hat, ihre eigenen Wege zu nehmen. Ist es Zeit für ein neues Museums-Narrativ?

Es gibt zwei naheliegende Interpretationen dieses Buches – doch beide führen in die falsche Richtung. Die erste: Man hält es für einen Ausstellungskatalog. Die zweite: Man liest es als institutionskritisches Fotoprojekt.

Beides greift zu kurz.

Was hier passiert, ist radikaler – und leiser zugleich.

Rieken verweigert sich der zentralen Disziplin des Museums: Fokus. Kein Werk wird „richtig“ betrachtet, kein Objekt erhält die ihm zugedachte Würde. Stattdessen: Abschweifen. Der Blick gleitet, bleibt nicht, verliert sich. Und genau darin liegt seine Präzision. Diese Bewegung ist keine Nachlässigkeit, sondern Methode.

Stefan Krämer beschreibt diesen Blick als mäandernd – und trifft damit den Kern. Musea folgt keinem kuratorischen Parcours, sondern einer Wahrnehmung, die sich entzieht. Werke werden angeschnitten, verlieren ihre Identifizierbarkeit oder lösen sich in Raster, Lichtreflexe und Unschärfen auf. Die bekannten Rasterpunkte kippen zwischen Motiv und Oberfläche: Man kann sie als Bild lesen – oder als Struktur sehen. In dieser Schwebe entsteht ein Sehen, das sich dem Zugriff entzieht.

Damit verschiebt sich der Maßstab. Nicht mehr das Kunstwerk steht im Zentrum, sondern die Bedingungen seines Erscheinens. Spiegelungen in Glasvitrinen, Schatten auf Teppichböden, Streifen von Neonlicht, beiläufige Details – all das tritt gleichberechtigt neben Gemälde und Skulptur. Rieken interessiert sich nicht für das Objekt, sondern für die Aufmerksamkeit, die es umgibt. Für das Dazwischen.

Ein entscheidender Punkt liegt im expliziten Hinweis des Buches selbst: Diese Fotografien sind keine klassischen Abbildungen von Kunstwerken, sondern als Neuschöpfungen bzw. Interpretationen zu verstehen. Genau hier verschiebt sich die fotografische Autorenschaft. Rieken reproduziert nicht – er produziert. Das Bild entsteht im Akt des Sehens, im Ausschnitt, in der Unschärfe, im bewussten Verfehlen des „richtigen“ Blicks.

Und dann folgt – fast überraschend – der Gegenpol: ein ausführlicher Index, der präzise auflistet, in welchen Museen die Aufnahmen entstanden sind. Praktisch gedacht als Möglichkeit zum „Nachsehen“, zur Rückbindung an konkrete Orte und Sammlungen. Doch dieser Index macht vor allem eines sichtbar: die Differenz zwischen Ort und Bild. Denn was dort verzeichnet ist, lässt sich in den Fotografien oft nicht mehr eindeutig wiederfinden. Die Referenz ist da – aber sie greift nicht mehr.

Gerade darin unterscheidet sich Musea auch von klassischer Institutionskritik. Es geht nicht um Analyse oder Entlarvung, sondern um eine Verschiebung der Praxis. Indem Rieken die Regeln der Betrachtung ignoriert, werden sie sichtbar. Der ritualisierte Museumsbesuch – langsames Voranschreiten, konzentrierte Betrachtung, wissensgeleitete Aneignung – verliert seine Selbstverständlichkeit.

Die Bildfolge folgt keiner Erzählung. Es gibt keinen Spannungsbogen, keine Hierarchie, kein Ziel. Stattdessen entsteht ein Rhythmus: scharf neben unscharf, dicht neben leer, laut neben leise. Die Doppelseiten treten in Resonanz, erzeugen Übergänge und Brüche. Der am Ende gesetzte Soundtrack ist kein Zusatz, sondern Schlüssel: Musea funktioniert wie eine Partitur.

So wird sichtbar, was im institutionalisierten Sehen oft verloren geht: Wahrnehmung als körperlicher Akt. Nicht das Erkennen steht im Vordergrund, sondern das Offenbleiben. Das Auge bekommt Raum, sich zu verlieren – und findet darin eine eigentümliche Genauigkeit.

Musea ist kein Buch über Kunst im Museum. Es ist ein Buch darüber, wie Sehen dort möglich wird – oder verhindert wird.

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