
Künstlerbuch, 2026
Softcover mit Klappen und Fadenheftung
Format 210 x 270 mm
Mit einer Einführung
von Ralph Köhnen
44 Seiten
ISBN 978-3-96703-215-5
Christopher Amms Arbeiten sind nie einfach fertig. Sie gehen aus anderen Bildern hervor, wechseln Maßstab und Medium und werden im Betrachten weitergeführt. Ralph Köhnen folgt ihren Spuren zu Dostojewski, Fra Angelico oder Agnès Varda. So wird das Buch selbst Teil eines Spiels zwischen Bild, Text und Betrachtung.
Eine ausführlichere Besprechung finden Sie in der Desktop-Version.
Käme man auf die kuriose Idee, die Arbeit von Christopher Amm in einem Satz beschreiben zu wollen, so wäre „Schritte zum Bild hin, von einem anderen Bild herkommend“ wahrscheinlich die einfachste Möglichkeit, die Methode zusammenzufassen – nicht aber ihre Machart.
Und dennoch. Der Satz könnte ebenso gut als pars pro toto über diesem Buch stehen. Schon sein Umschlag führt vor, wie aus einer Arbeit ein neues Bild wird. Er zeigt einen Ausschnitt aus Giardini di Settembre. Der Papieruntergrund wird zum „realen“ Abbild des Originals. Der Witz besteht allerdings nicht darin, mit dem Medium selbst zu spielen, sondern darin, dass es eben nur ein Ausschnitt ist – nicht das Bild selbst, das man später erneut im Buch begegnet, nun verkleinert und als Ganzes. Dasselbe Werk wird durch Ausschnitt, Maßstab und Reproduktion gleich zweimal zum Bild.
„Christopher Amm zeigt uns Bilder nicht als fertige Sachen, die vom Himmel fallen, sondern es sind lebende Systeme, weil man ihnen die Spuren des Machens, ihre Genese ansieht und auch die Vorgänger, auf die sie sich beziehen“, schreibt Ralph Köhnen in seinem Vorwort über dieses Verfahren.
Amm zeichnet, malt Fresken, fotografiert und macht Künstlerbücher. Dabei bleiben die Wege zwischen den Medien sichtbar. Ohne dass Skizze, Vorstudie oder ausgeführtes Bild eine feste Reihenfolge bilden müssen. Amm selbst beschreibt dieses Vorgehen als „nacherzählen, fortschreiben, ausstreichen, bestoßen“. Bilder sind für ihn keine abgeschlossenen Dinge, sondern etwas, an dem weitergearbeitet werden kann.
Köhnen greift diese Bewegung im Text auf. Der Literaturwissenschaftler mit kunsthistorischem Background folgt Amms Motiven durch Literatur, Film, Religion und Kunstgeschichte und stellt dabei Verbindungen zwischen Dingen her, die auf den ersten Blick weit auseinanderliegen mögen, aber eine spannende Assoziations- und damit aufschlußreiche Interprtationskette bilden.
Ein Stein etwa führt zu Dostojewskis Brüdern Karamasow. Amm hat die Szene mit Modellen nachgestellt und daraus Zeichnungen und Malereien entwickelt. Köhnen nimmt das Bildmotiv auf und macht ein literarisches daraus. So mutiert er zum biblischen „ersten Stein“, zu Fragen nach Schuld und Versöhnung und schließlich zu Amms marmi finti. Die aus Gips, Pigment und Leim hergestellten künstlichen Steinflächen führen wiederum zu Fra Angelico und dessen gemalten Marmorflächen.
An anderer Stelle ist es das Sammeln, das die Verbindung herstellt. In Agnès Vardas Film Les Glaneurs et la Glaneuse beobachtet die Filmemacherin Menschen, die auf Feldern und in Städten das auflesen, was liegen geblieben oder weggeworfen worden ist. Amm verbindet ihre Figuren mit eigenen Zeichnungen von Sammlerinnen aus Bolivien und Peru. Das Sammeln wird zum künstlerischen Prinzip: Vorhandenes aufgreifen, aus seinem Zusammenhang lösen und mit anderem verbinden.
Auch Köhnen sammelt auf diese Weise: Dostojewski und Fra Angelico, das Neue Testament und Agnès Varda. Sein Text erklärt die Bilder nicht abschließend, sondern arbeitet mit ihnen weiter. Aus einem Motiv entsteht eine Kette von Bildern, Texten und Bedeutungen.
So verbindet Bildautor und Textautor eine ungewöhnliche Form des Zusammenspiels bei der Bildwerdung. Und das Buch fügt durch Ausschnitt, Maßstab, Reproduktion und die Abfolge seiner Seiten noch eine weitere Ebene hinzu.
Amms Arbeiten gehen aus anderen Bildern hervor und können zum Ausgangspunkt neuer Bilder werden. Die Frage, die ihn dabei wohl immer wieder aufs Neue antreibt, lautet: „Was kann – in den Bildern, mit ihnen, durch sie, mittels ihrer befreit werden?“ Zum Glück versucht das Buch darauf keine abschließende Antwort. Sondern lässt die Bilder lieber in uns weiterarbeiten.
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